17-05-2018

Stille umgibt mich während ich durch die Baumallee gehe ohne klares Ziel vor Augen. Obwohl die Sonne, die sich durch die dichten Baumkronen kämpft, Wärme auf meiner Haut hinterlässt, spüre ich, wie unter dem dünnen Strickpullover und der mehr oder weniger dicken Jacke Gänsehaut über meine Arme schleicht. Der Wind ist kühl und bringt ein wenig Leben in das ruhige Grün über meinem Kopf. Ich sehe nach oben, spüre wie die Kälte des Windes sich durch jede kleine Öffnung näher an mich heran pirscht um mich zum Frösteln zu bringen. Auch wenn ich weiß, dass ich völlig alleine auf meinem Weg bin, fühle mich durch das Rauschen der Blätter verfolgt. Ich gehe nicht schneller, drehe mich auch nicht panisch um. Nein. Ich bleibe stehen und betrachte das Bild, welches sich mir am Ende der Baumallee bietet. Ein wunderschöner Ausblick auf Felder und Wiesen, die nur erahnen lassen wie weit die Welt noch ist. Gräser und wilde Blumen bewegen sich im Einklang mit den Baumkronen, als würden sie mir eine Richtung vorgeben, in die ich mich bewegen soll. Ich gebe dem Drang nach und folge der Richtung, in die mich die Natur weist. An Wiesen und Feldern vorbei, begleitet von leisem Vogelgezwitscher und dem Motorengeräusch der Flugzeuge über mir. Die Sonne, die sich immer wieder hinter den Wolken zu verstecken scheint, kommt aus ihrem Versteck hervor und folgt mir auf meinem Weg.

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Der Feldweg unter meinen Füßen ist noch weich vom gestrigen Regenschauer und gibt bei jedem Schritt ein bisschen nach. Er ist formbar, irgendwie trotzdem robust und hält dem Unwetter stand. Er ist ein bisschen wie ich - oder eher wie mein Leben. Ebenso formbar und robust gegenüber Katastrophen. Man spürt und sieht die Spuren, die durch die Katastrophen und die schönen Dingen hinterlassen wurden, aber trotzdem ist der Boden immer noch der Boden. Der Feldweg immer noch der Feldweg und ich - eben immer noch ich. Meine Gedanken schweifen vom Feldweg zu der Aussicht. Mein Blick folgt mir ein wenig Verzögerung. Obwohl der Dunst noch einen Teil der Sicht schluckt und vor mir verbirgt, sehe ich Häuser und Straßen, die das Bild von Natur und Unberührtheit durchbrechen. Während ich als den Horizont mit all seiner Pracht bewundere, wird mir klar, dass das hier nur ein klitzekleiner Ausschnitt von der Welt ist. Denn hinter dem höchsten Berg und dem tiefsten Tal geht es weiter. Dort wartet die Welt. Der Wind wird stärker. Weht mir die Haare ins Gesicht und bringt einen Schwall Kälte der mich unvorbereitet trifft. Es scheint als würde er mich zum weitergehen drängen wollen, um die Welt hinter dem kleinen Hügel auf dem ich mich befinde zu entdecken. Ich gehe weiter über den matschigen Boden und stelle mir die Frage wo ich lande, wenn ich der Bitte des Windes folge.

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Bei jedem Atemzug dringt der Geruch von Raps in meine Nase, zwingt mich damit ihn wahrzunehmen und mich zu erinnern. An die Sommer meiner Kindheit, an Urlaube mit meiner Familie, an die Freiheit, die man verspürt wenn man verbotener Weise durch ein Feld eines Bauern in der Umgebung gerannt war. Das Gefühl jung zu sein und alles zu können keimt in mir auf, bringt Fernweh und Heimweh zugleich mit sich. Den Drang rauszugehen und wie früher durch ein Feld zu laufen und alles zu tun, was man möchte. den Drang nach Freiheit. Während ich weiter den Feldwegen folge, bemerke ich, dass das Frösteln bei jedem Windzug verschwunden ist. Im Gegenteil. Ich begrüße den Luftzug und genieße das erfrischende Gefühl, wenn der Wind durch meine Haare weht und mir einzelne Strähnen ins Gesicht peitscht, während ich langsam an meinem nächsten kleinen Zeil ankomme.

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Das kleine steinernde Häuschen steht wie eine kleine Festung am Kopfe eines Weinberges, bewacht seine Umgebung und bietet einem kleinen Vogel an, so klein und majestätisch wie er ist und beobachte, wie er in die Ferne sieht. ein kleiner, stiller Beobachter. Stille. Eigentlich ist davon nichts zu merken. Der Wind pfeift und rauscht, die Vögel zwitschern munter weiter, das Papier unter meinem Stift knackt ab und an. Mit einem letzten Blick auf die Stadt am Fuße des Berges, gehe ich wieder. Begebe mich zurück in den Lärm und mir fällt auf: ich habe während meiner gesamten kleinen Reise kein Wort gesagt. Nicht die Natur ist die Stille - man ist es selbst.

Und das werde ich nun ändern. Ich will nicht die sein, die schweigt. Ich werde die sein, die etwas sagt, die Welt entdecken wird und ihren formbaren robusten Weg geht und sich von nichts aufhalten lässt. Auch nicht von jemandem, der versucht die Stille in mir zu finden.

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